1986 – 30 JAHRE SPÄTER




986 ein äußerst interessantes Jahr… nicht nur weil ich da stolze eins geworden bin. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich daran überhaupt nicht mehr erinnern. Obwohl die Feierlichkeiten zu meinem 1. Geburtstag sicher überwältigend waren. In Moskau soll sogar eine Militärparade stattgefunden haben, aber es ist durchaus möglich, dass das gar nichts mit mir zu tun hatte, sondern mit den Errungenschaften der glorreichen Oktoberrevolution, die immerhin 69 Jahre alt geworden war oder der noch glorreicheren Roten Armee, die drauf und dran war den Kapitalismus endgültig in die Schranken zu weisen, wenn sie nicht kurz vor ihrem endgültigen Sieg, die Sowjetunion in die Pleite gerüstet hätte…

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Auf der Welt gab es 2 Männer, die den Ton angaben, ein gewisser Herr Reagan in Washington und ein gewisser Herr Gorbatschow in Moskau. Reagan war ein ehemaliger Liberaler und Schauspieler, der sich dann zum Hardcore-Konservativen entwickelt hatte und der der Meinung war, den Sieg über den Kommunismus bekommen wir nur, wenn wir aufrüsten, wie die Bösen und die Reichen auf Kosten der Armen entlasten… Gut man muss sagen außenpolitisch war er tatsächlich erfolgreich, denn 5 Jahre später brach die Sowjetunion zusammen. Und alles was dort ein wenig besser gewesen war wie im Westen, also ein flächendeckendes Gesundheitssystem, eine bemerkenswerte Gleichstellung der Frau zum Mann, soziale Fürsorge wurde entsorgt und alles was tatsächlich übel an diesem System war, also Leute einsperren oder ermorden, die eine andere Meinung haben, ein Präsident, der nicht abgewählt werden kann, Aufrüstung und Kriegszustand wurden irgendwie nie so richtig beseitigt und feiern mittlerweile fröhliche Urständ… irgendwas rennt immer falsch. Dennoch kann man Reagan einen gewissen außenpolitischen Erfolg nicht absprechen, innenpolitisch dagegen… tja also spätestens mit der Wirtschaftskrise 2008 wurde klar, so richtig toll ist dieser laissez faire Kapitalismus auch nicht und mittlerweile sorgt ein gewisser Herr Trump dafür, dass man denkt „also der Reagan… gar nicht übel der alte Kerl.“ Bitte um ehrlich zu sein, war mir das 1986 noch ziemlich Blunzn. Auch dass die These „Atomkraft im Kapitalismus pfui, im Sozialismus megageil“ einen empfindlichen Riss erfuhr, als im April den Russen das AKW Tschernobyl um die Ohren flog, besorgte meine Eltern deutlich mehr als mich. Vermutlich fanden einige Spaziergänge im Kinderwagerl nicht statt, sondern stattdessen saßen wir zu Hause und warteten auf bessere Zeiten. Denn meine Eltern waren immer sehr verantwortungsbewusst und dass meine Haare sehr früh zum ausfallen angefangen haben, hat wohl auch wenig mit diesem Jahr zu tun, zumal das auch eine gute Tradition bei den Männern der Familie Turecek ist… Da kann das Jahr 1986 wirklich nix dafür, aber es hat doch das Land Österreich etwas aufgemischt. Die Kirche bekam neues Personal, da gab es die beiden Bischöfe Krenn und Groer, beide besondere Sympathieträger, der eine war so konservativ, dass vermutlich sogar Petrus und Paulus unter ihm exkommuniziert worden wären, weil sie nicht christlich genug waren (oder was er halt dafür hielt), der andere hat den Satz des Herren „Lasset die Kinderlein zu mir kommen“ etwas zu wörtlich genommen. Und dann gab es eine Bundespräsidentenwahl… nun hat es in Österreich eine Tradition gegeben seit 1945, nämlich der Bundespräsident kann sein wer er will, Hauptsache er kommt von der SPÖ. Das wollte wieder die ÖVP ändern, also stellte sie den ehemaligen UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim auf. Und da konnte die SPÖ mit dem Arzt Kurt Steyrer nicht mithalten. Zwei weitere Kandidaturen gab es übrigens auch noch, was aber egal war denn zu dieser Zeit war eine Kandidatur jenseits von ÖVP und SPÖ noch irrelevant: Die verschiedenen Grünfraktionen hatten sich auf eine gemeinsame Kandidatin geeinigt, eine gewisse Freda Meissner-Blau, aber die Grünen hielt man da noch für ein vorübergehendes Phänomen. Und die FPÖ, die ja gerade total wirklich in echt liberal war stellte mit Otto Scrinzi einen Hardcore-Nazi auf, der wenig Hehl daraus machte, dass er ein solcher war. Der wurde aber später durch Waldheim überstrahlt. In die Stichwahl kamen Steyrer und Waldheim (welch Wunder) und dabei mussten die Sozis feststellen, dass Waldheim führte. Und so kamen sie auf die Idee darauf hinzuweisen, dass Waldheim in der Vergangenheit mit den Nazis gar nicht mal so schlecht ausgekommen war. Und in einem Land, dass prinzipiell zwischen „was geht uns das an? Wir waren ein Opfer“ und „ja aber die Autobahn hat er auch gebaut“ schwankte führte die Enthüllung, dass Waldheim ein ehemaliger Nazi gewesen war, dazu, dass dieser haushoch die Wahl gewann und Bundespräsident wurde. Und Waldheim selbst hat die Verantwortung, die das Amt mit sich brachte auch wirklich voll ernst genommen. Irgendeine Form von Reue oder Verständnis dafür, dass die eigene Nazivergangenheit ehemaligen Opfern und Nazigegnern sauer aufstieß zeigte er nicht, statt dessen spielte er sich als Opfer auf, der nur „seine Pflicht erfüllt“ habe und suchte Schuldige. Das waren – wie sollte es anders sein – die Juden. Österreich war daraufhin mal für die nächsten sechs Jahre das Arschloch unter den Nationen. Der Bundeskanzler Fred Sinowatz, eine Gestalt der sich redlich bemühte (und vorher ein durchaus solider Unterrichtsminister gewesen war) und dem man nun vorwarf, dass er die SPÖ ruinieren würde, weil er nicht Bruno Kreisky war und außerdem die Partei unter ihm auf unter 50% gefallen war (bei 47% würden die heute glaub ich den Parteichef heilig sprechen) trat zurück. Er hatte sich verzweifelt bemüht, Waldheim zu verhindern. Zurück blieben seine unvergesslichen Bonmots „Es ist alles sehr kompliziert“ oder „Wir nehmen zur Kenntnis, dass Herr Waldheim nicht bei der SA war, dass nur sein Pferd bei der SA gewesen ist.“ Es folgte Franz Vranitzky, ein Banker, der den Sozialismus in die Welt der Finanzen holte oder umgekehrt… Im Nachhinein war Vranitzky vermutlich einer der besten Bundeskanzler, die Österreich hatte, aber damals war das doch ein Schock. Der Nadelstreifsozi hielt Einzug. Dafür einigten sich die Grünen auf ein gemeinsames Auf- und Antreten und wer hätte es gedacht, sie haben bis heute überlebt, hätte ihnen ja auch niemand zugetraut. Noch eine Partei galt damals als tot, die FPÖ. Und das stimmte sogar bis zu einem gewissen Grad… die liberale FPÖ starb damals, allerdings die hat sowieso nur in der Imagination von Norbert Steger existiert. Nur dass damals die ganze Partei vor sich hinkrepierte, bis dann ein junger Strahlemann auftauchte, ein echter Kärntner aus Oberösterreich, ein echter Österreicher, der Österreich für eine Missgeburt hielt. Er hieß Jörg Haider und er machte die FPÖ wieder groß und stark, so groß, dass sie heute endgültig an der Spitze gelandet ist. Damals reichte es für Platz 3 und für eine deutliche Steigerung, während die Großparteien SPÖ und ÖVP zum stürzen begannen. Das hat also 1986 seinen Anfang genommen, auch die anderen europäischen Staaten haben das damals noch angewidert zur Kenntnis genommen, mittlerweile haben fast alle solche Parteien teilweise an der Spitze. Man kann also sagen es war nicht alles gut in den 80ern. Musikalisch bewegte sich das Jahr 1986 zwischen Jeanny von Falco und Ohne dich von Münchner Freiheit. Es bahnten sich also auch hier schon Dinge an, die einem ein verzweifeltes „Um Gottes Willen“ entlocken, aber auch durchaus gewagtes und starkes. Alles in allem ein Jahr an das ich mich wahrlich nicht erinnern kann…. ich war einfach zu jung.