DAS LINZER PROGRAMM

Am 3. November 1926 wurde in Linz das Parteiprogramm der SDAPÖ (Sozialdemokratische Arbeiter Partei Österreichs) beschlossen, das den Versuch machte Radikale und Gemäßigte der Partei zu einen. Was das für einen einfachen Parteigenossen bedeuten konnte, in der folgenden Geschichte:

Ein verregneter, grauer Tag, dieser 3. November des Jahres 1926. Aus den Nebelschwaden ragte der Volksgartensaal, in den sich jetzt Herbert Stampfbauer mit seinem Delegiertenpass begab. Er, gelernter Werkzeugmacher aus Hirschstetten, nahm heute zum ersten Mal an einem Parteitag teil. Obwohl es nur ein wenig vor sich hin nieselte, war er komplett durchnässt. Er war am Tag zuvor mit der Eisenbahn angereist. Es war das erste Mal, dass er Wien verlassen hatte.

Das erste Mal, dass er in einem Zug der Westbahn saß. Das Ticket hatte er von einem Genossen bekommen, dem Kerninger Hans, Eisenbahner, seit er sieben Jahre alt war. Der hatte ihm auch erzählt, man würde jetzt daran arbeiten, die Westbahn zu elektrifizieren. „In Zukunft werden wir vielleicht weniger als zwei Stunden von Wien nach Linz benötigen“, schwärmte Hans dann immer. Die Eisenbahner, immer in utopische Ideen versunken. Vielleicht waren sie deshalb auch die besten Sozialisten des Landes. Die Eisenbahn war fast durchgehend rot, bis auf ein paar Mitglieder der Führung und ein paar Kommunisten, die es dort natürlich auch gab. Aber auch bei den Werkzeugmachern konnte man eine immer größer werdende Anzahl an Sozialdemokraten beobachten.

„Die Zukunft gehört uns!“ Das war nicht nur so dahergesagt, das war eine tiefe Überzeugung. Jedes Mal, auch am 1. Mai, waren sie alle dabei, auch Herbert mit der roten Fahne aus Ottakring. „Republik, das ist nicht viel. Sozialismus heißt das Ziel.“ So lautete die Parole. Freilich, die Republik hatte man doch selber aufgebaut, sie den Habsburgern abgetrotzt, und jetzt war das „nicht viel“. Herbert verwirrte das, aber der Kerninger hatte es ihm erklärt: „Wenn wir eine Republik bauen konnten, ist es nur mehr ein kleiner Schritt, bis wir auch den Sozialismus aufbauen.“

Das war ja auch der Grund, warum man heute in Linz zusammentrat. Ein aufregendes Gefühl war das, in einer anderen Stadt zu sein. Herbert kannte ja nur sein Wien. Wenn die Arbeit ihn einmal frei ließ, dann verbrachte er gerne seine Zeit am Galizinberg, um auf die schöne und wachsende Stadt zu schauen. Und wenn es ihn mal weiter wegtrieb, konnte es schon sein, dass er dann auch einmal auf den Kahlenberg ging. Ein Besuch der Alten Donau drüben in Transdanubien, das war schon eine Fernreise für ihn.

Genossen hatten ihm erzählt, dass sie schon einmal in Deutschland gewesen seien. Deutschland, unsere eigentliche Heimat, wie es ja immer wieder hieß. Und der eine junge Intellektuelle in seiner Parteisektion war wohl auch schon nach Moskau gereist.

„Dort haben die Arbeiter sich das nicht mehr länger angeschaut, wie man sie in den Krieg und ins Elend gehetzt hatte … Sie haben die Fabriken selber übernommen. Und das sollten wir hier auch machen“, hatte er damals begeistert geschwärmt.

Aber der Fritz, ein älterer Genosse, der Victor Adler noch gekannt hatte, meinte: „Die Bolschewiki, das wird nix. Die haben eine Diktatur und den Bürgerkrieg gemacht. Wir haben hier die viel besseren Möglichkeiten.“

So wurde jetzt in der Partei gestritten. Herbert kannte sich da nicht so gut aus. Er wusste nur, dass die Partei ihn bei seinen Lohnforderungen unterstützte und dass seit dem Zeitpunkt, als in Wien die Roten regierten, Wohnungen entstanden waren, die man sich leisten konnte. Sozialismus, das war irgendwie die Idee, dass diese Dinge nun für jeden zur Verfügung stehen könnten.

Und da stritten sie nun in der Partei, ob man diese Dinge sofort, notfalls mit Gewalt, durchsetzen sollte oder ob man warten sollte, bis sie durch Verhandlungen hergestellt werden könnten. Und all das würde jetzt auf dem Parteitag geklärt werden.

Ein beeindruckender Saal war es, dieser Volksgartensaal, und alles war voll mit Delegierten, ein Saal voller Sozialdemokraten.

„Schau mal, Genosse“, sagte irgendjemand zu ihm. „Das sind alles Sozialdemokraten. Wir sind wahrhaftig die stärkste der Parteien. In wenigen Jahren wird Österreich dem Sozialismus gehören.“

Vorne nahmen die Mitglieder des Vorstands Platz. Herbert kannte sie alle aus der Arbeiter-Zeitung. Robert Danneberg war da, Max Adler, Adelheid Popp erkannte er und natürlich die zwei großen Köpfe Otto Bauer und Karl Renner. Etwas verspätet kam auch Karl Seitz an, der Wiener Bürgermeister. Er war ja, so hatte man Herbert erzählt, der eigentliche Parteichef, aber jeder in der Partei machte, was Otto Bauer sagte.

Und der ergriff jetzt das Wort:

„Genossen, wir erleben in diesen Zeiten, dass das Großkapital immer mehr Eigentum akkumuliert. Der kleine Handel, das Bauerntum, die mittleren Unternehmer – sie sterben zugunsten eines wachsenden Monopols. Mit der Entwicklung des Kapitalismus werden immer größere Teile der gewerblichen Produktion, des Handels und des Verkehrswesens in Großbetrieben konzentriert. Die Konkurrenz des kapitalistischen Großbetriebes richtet viele Zweige des alten Handwerks gänzlich zugrunde, viele beschränkt sie auf Reparatur und Vertrieb von Erzeugnissen des Großbetriebes. Andere Zweige des Handwerks geraten in drückende Abhängigkeit von kapitalistischen Handelsunternehmungen; die Handwerksmeister werden als Lohn- und Stückmeister zu Lohnarbeitern des Kapitals. Einen schnell wachsenden Teil des ganzen Volkes verwandelt der kapitalistische Großbetrieb in seine Lohnarbeiter und Angestellten.

Viele von uns drängen nach der radikalen Antwort, rufen nach der Revolution und dem Bolschewismus. Aber wir haben in Russland gesehen, was dann geschehen ist. Österreich und Deutschland, und unsere beiden Vaterländer gehören zusammen, daran besteht kein Zweifel, soll dieses Schicksal erspart bleiben. Aber wir brauchen eine starke Sozialdemokratie, eine Partei, die so stark wird, dass uns die Macht im Lande zufällt. Und dann werden wir das Land umgestalten und den Sozialismus festigen. Danach wird es für die Bourgeoisie kein Zurück mehr geben. Danach werden wir in die klassenlose Gesellschaft hinüberwachsen, in der jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten und nach seinen Bedürfnissen bekommen wird.“

Jubel brauste auf. Optimismus prägte diese graue, aber doch hoffnungsvolle Zeit. Jetzt würde der Sozialismus bald kommen, auch wenn dann wieder der Streit entbrannte, wie er zu machen sei: mit Hilfe der Revolution oder doch als Reformprogramm.

Und genau dafür hatte Otto Bauer das Programm erarbeitet, das jetzt als Linzer Programm in die Geschichte eingehen sollte.

Dennoch geschah das, was in einer sozialistischen Partei immer passierte. Die Rechte um Karl Renner empfand das Programm als viel zu radikal. Es würde einem jede Chance verbauen, eine erbauliche Zusammenarbeit zu suchen, so lautete der Vorwurf. Dem hielten die Radikalen, die sich vor allem um Friedrich Adler, den Sohn des Parteigründers, sammelten, entgegen, dieses Programm sei ein Kniefall vor der Bourgeoisie.

Otto Bauer argumentierte geduldig und beharrlich für sein Programm. Am Ende brummte Herbert der Kopf, als hätte er drei Tage durchgesoffen.

Man einigte sich letztlich auf das Programm, das versprach: Sobald die Sozialdemokraten die Mehrheit besitzen würden – und das würden sie, davon war auch Herbert überzeugt –, dann würde die Großindustrie verstaatlicht, die Banken würden in die Hände des Volkes kommen und Österreich endlich ein Teil von Deutschland werden. Und wenn die Bourgeoisie versuchen würde, diese Errungenschaften mit Gewalt zu sabotieren, dann würde die Diktatur des Proletariats diesen Widerstand brechen.

Voller Zuversicht gingen alle auseinander, und voller Zuversicht fuhr Herbert zurück nach Wien. Keiner ahnte, dass schon acht Jahre später das hoffnungsvolle Projekt der Sozialdemokraten unter den Kanonen der austrofaschistischen Bourgeoisie enden würde.