Ungarn 1956




Wenn man im Jahre 1956 im Oktober in Österreich lebte und wenn man dann einen etwas interessierteren Blick in den Osten warf, über die Burgenländische Grenze in unser Nachbarland (das noch 40 Jahre früher mit uns in einem gemeinsamen Reich gewesen war) konnte man ein interessantes Phänomen beobachten: Die Ungarn nämlich wollten sich ihre Gesellschaftsordnung nicht aufzwingen lassen. Die Ungarn entschlossen sich vom russischen Bären ihre Freiheit zu fordern. Und gerade das Arbeiterparadies, das ihnen von der Kommunistischen Partei in Aussicht gestellt wurde war, wurde jetzt gerade von den Arbeitern dort in Frage gestellt.

Meine Oma (damals übrigens gerade mal 23 Jahre alt) hat mal gesagt: „Die Ungarn sind eigentlich immer betrogen worden.“ Sie hatte da einen gewissen emotionalen Konnex denn ihre Mutter war selbst Ungarin. (So ist das in Österreich nun mal, wer keine Tschechen oder Ungarn in der Familie vorzuweisen hat, ist kein echter Österreicher). Und wenn man sich die ungarische Geschichte anschaut ist da schon was dran. Ständig überrannt und unterdrückt, haben sie es nie aufgegeben für ihre Freiheit einzutreten. Sie waren zu großen Teilen dem osmanischen Reich unterworfen. (Wie es in Anbetracht dieses riesigen Kolonialreiches der Islam bis heute schafft, als Opfer des Kolonialismus zu gelten ist auch nur mit der besonderen Beschränktheit der Antiimperialisten zu erklären). Dann war Ungarn ein Teil Österreichs und dabei waren die Ungarn sehr loyale Untertanen der jeweiligen Habsburger. Dennoch hat man sie oft als Untertanen zweiter Klasse behandelt. Maria Theresia rannte zu den Ungarn als ihr die Preußen und die Bayern gemeinsam (da haben die plötzlich sehr gut zusammengearbeitet) die Österreichischen Erblande und Böhmen wegnehmen wollten, hat dann aber weder Pressburg noch Budapest zur Hauptstadt gemacht, sondern ging zurück nach Wien sobald es ihr möglich war. Die Ungarn hatten dann irgendwann genug dauernd die Untertanen zweiter Klasse zu sein, also versuchten sie 1848 eine Republik zu gründen. Doch dieser Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Viele Freiheitskämpfer endeten am Galgen, auch der Schneider der 5 Jahre später versuchen sollte Kaiser Franz Joseph zu erdolchen. Die Unabhängigkeitsliebe der Ungarn wurde 1867 schließlich scheinbelohnt, in dem man Ungarn zum selbstständigen Königreich innerhalb der K.u.K-Monarchie machen sollte. Wirklich Freiheit erhielten sie jedoch auch da nicht. Das Wahlrecht blieb eingeschränkt und nur eine sehr reiche Bourgeoisie und ein paar hohe Adlige konnten davon profitieren. Aber Ungarns Stunde schlug 1918. Da bekamen sie endlich ihre Republik. Die wurde aber von Anfang an (auch von den Entente-Mächten) so eingeschränkt, dass sie finanziell und territorial vor dem Ruin stand und die Armen nicht mehr zu ernähren waren. Und so setzten die Ungarn als erste nach Russland auf den Kommunismus. Bela Kun begründete seine Räterepublik, die in ihren Anfängen tatsächlich Verbesserungen brachte. Leider wie immer bei solchen idealistischen Projekten fehlte schließlich auch eine Grundlage, das ganze ohne Terror durch zu setzten. Macht nix, dachte sich Kun, dann setzen wir es eben mit Terror durch. Und damit wurde auch die kommunistische Idee den Ungarn mit Gewalt ausgetrieben. Die Räterepublik wurde von rumänischen und tschechoslowakischen Truppen beendet, die sich Teile Ungarns unter den Nagel reißen wollten. Und dann restaurierte der K.u.K-Admiral Horthy die Monarchie. Anstatt aber die Habsburger zurück zu holen machte er sich selbst zum Reichsverweser. Ja den Versuch Kaiser Karls I wieder zum König von Ungarn zu werden vereitelte er mit Gewalt. Ungarn blieb wieder unfrei und näherte sich den Deutschen unter Hitler an, die es Ungarn dankten in dem sie Horthy absetzen halfen und statt dessen den ungarischen Nazi Salazy an die Spitze setzten, der gleich eifrig sich am Judenmord beteiligte. Die Rote Armee beendete 1945 auch dieses traurige Kapitel und Ungarn war endlich frei… dachten sie. Denn 1946 durften sie endlich wählen und machten dabei den unglaublich schweren Fehler nicht haushoch die Kommunisten gewinnen zu lassen. Das wieder gefiel den Russen gar nicht. Und da Ungarn nun mal auserlesen war mit den Segnungen des Arbeiterparadieses beglückt zu werden, wurde es 1947 einfach zwangsweise in eine Volksrepublik verwandelt. Die Kommunisten traten auch mit einem gewissen Eifer an hier tatsächlich eine bessere Welt zu schaffen, beschäftigten sich dann aber mal hauptsächlich damit alles in der Partei des Trotzkismus oder Titoismus zu bezichtigen was beim Volk auch nur irgendwie beliebt war und die eigene Partei zur Unkenntlichkeit zu säubern. Und als dann unter Chruschtschow in Moskau 1956 entstalinisiert wurde, hatte die Ungarische Arbeiterpartei ein Problem. Wie sollte man den Leuten denn erklären, dass der Typ für den man die Hälfte der eigenen Leute an die Wand gestellt hatte und das Land unterjocht hatte, eigentlich gar kein guter war. Die Ungarn warteten etwaige Erklärungen gar nicht ab, sondern gingen auf die Straße. Sie forderten endlich ihre Freiheit und bei der Gelegenheit das, was ihnen der Kommunismus immer nur versprochen hatte, nämlich ein Leben in menschenwürdigen Zuständen. Auch wenn der Ungarnaufstand von den Kommunisten später als Konterrevolution diffamiert wurde und die Bürgerlichen im Westen ihn natürlich vereinnahmten, waren die Ideale der Revolutionäre durchaus die, die man als fortschrittlicher oder gar kommunistisch gesinnter Mensch durchaus teilen konnte. Natürlich mischten sich auch reaktionäre Gesellen unter die Revolutionäre, so lange waren ja Horthy und Salazy noch nicht her, dass man da nicht auch noch ein paar Unverbesserliche finden würde. Und ja es gab Übergriffe und Lynchjustiz gegen Kommunisten und nicht alle davon waren Mitglieder der Geheimpolizei. Aber generell standen die Ungarn hier für ihre Freiheit ein und das habe ich mir (als lange Zeit doch der Kommunistischen Idee sehr zugehörig) auch nicht immer eingestehen wollen. Ich sehe aber heute einen Kommunisten wie Imre Nagy, der Premierminister wurde und sich auf die Seite seiner Ungarn stellte, als Vorbild. Wenn die Idee als etwas gutes überleben will, dann muss uns ein Imre Nagy näher stehen als ein Janos Kadar. Der wurde Generalsekretär der Arbeiterpartei und verbündete sich mit den Russen (obwohl er auf deren Initiative noch ein paar Jahre vorher als Titoist inhaftiert worden war). Es ist aber leider eher der Trend zu beobachten, dass immer mehr aus der radikalen Linken dem nahe stehen was damals die Ungarn zusammen geschossen hat, als dem, was sie auf die Straße brachte.

In Österreich fieberte man mit den Ungarn mit und als die Sowjets kamen und mit Panzern die Revolutionäre über den Haufen schossen und fuhren, da öffnete Österreich seine Tore und seine Herzen. Ja das heißt, außer die KPÖ. Die hat damals noch einen gewissen Einfluss gehabt und gerade selber eine Geschichte des Märtyrertums für die Freiheit hinter sich. Im Widerstand gegen die Nazis haben in Österreich die Kommunisten die meisten Opfer zu verzeichnen. Und das halte ich ihnen auch nach wie vor zu Gute, hier liegt unbestreitbar eine Leistung dieser Partei und ihrer Anhänger. Das Problem ist nur für diejenigen die im Namen des Kommunismus getötet wurden (und viele davon waren Kommunisten) hatte man viel zu wenig Empathie. So auch damals, als die Ungarn Österreich um Schutz baten und die KPÖ sich mit Moskau solidarisierte. Ja genützt hat ihr das wenig, viele Genossen kehrten der KPÖ damals den Rücken, weil sie das nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren wollten oder konnten und bei der nächsten Nationaratswahl flog die KPÖ aus dem Nationalrat und ist dort bis heute nicht mehr drin.

Und die Ungarn wurden um eine weitere Möglichkeit gebracht eine bessere Welt für sich zu schaffen, das haben sie aber nicht aufgegeben.