DAS LEBEN

Am 17. Juli 1936 putschten faschistische Milizen auf Teneriffa gegen die Spanische Republik. Daraus entwickelte sich der Spanische Bürgerkrieg, an dessen Ende der Faschistenführer Franco die Macht ergriff und eine brutale Diktatur errichtete. Dem Bürgerkrieg und der Francodiktatur fielen insgesamt etwa 500.000 Menschen zum Opfer. Ihnen sei folgende Geschichte gewidmet.

17.Juli in den Morgenstunden, ein heißer Tag kündigte sich auf Teneriffa an, Pedro der Padre des kleinen Klosters beim Mesón El Monasterio bereitete die Morgenmesse vor. Der Gottesdienst… hier auf Teneriffa wurde er noch eifrig besucht, aber auf dem spanischen Festland, hatten sie Gott längst gegen Marx und Lenin ausgetauscht… zumindest war das der Eindruck, den Pedro gewinnen konnte, wenn er mit den Ordensbrüdern aus Madrid oder Valencia sprach… „Die Republik ist unser Untergang!“ hatte ein Kardinal aus Burgos gemeint, als 5 Jahre zuvor, König Alfons abgedankt hatte und Spanien, die uralte stockkonservative Monarchie zur Republik geworden war. Pedro kümmerte sich nicht darum, ob Monarchie oder Republik, ob König oder Präsident, die Leute hatten doch Hunger…. und dann war es die Aufgabe der Gemeinde sie zu speisen und die Menschen auf Teneriffa sehnten sich nach Trost und dann war es seine Aufgabe ihnen Gottes Trost zu spenden, schließlich Christus ist für alle gestorben, auch für die Republikaner, ja selbst für Marx und Lenin…. Der Altar war in sauberen Zustand, dafür sorgte er jeden Tag, schließlich man tritt Gott nicht gegenüber in einem Saustall, man hat ihm gegenüber eine Verpflichtung. Der Messner hatte den Wein und die Hostien vorbereitet und so machte sich Pedro dran, die Messe zu zelebrieren, nur dass heute niemand auftauchte… War es der Ungeist der Republik, der jetzt auch schon Teneriffa erfasst hatte oder hatten sie alle ein Unwohlsein? Als hätte er die Frage Pedros gehört, meinte der Messner: „Am Hafen ist heute in aller Früh geschossen worden!“ – „Geschossen? Wer schießt denn auf Teneriffa? Anarchistische Banden hier?“ – „Ich weiß es nicht Vater. Aber ich kann Jose fragen, er weiß doch immer Bescheid.“ Pedros Gesicht verfinsterte sich, der Messner wusste wieso. „Ihr mögt ihn nicht, nicht wahr Vater?“ – „Ich liebe alle Geschöpfe Gottes, wie es meine Pflicht ist, aber Jose ist kein guter Umgang mein Sohn, das weißt du.“ Jose war immer aufsässig gewesen, als Kind schon, seit seinem 16. Geburtstag ließ er sich bei keiner Messe mehr sehen. Und er war wohl sogar Mitglied bei der CNT…anarchistische Kirchenstürmer auf Teneriffa, ein grauenhafter Gedanke… aber dann hatte er Jose auch gekannt, wie er noch ein kleiner Bub gewesen war, den er letztlich auch als Geschöpf Gottes ansehen musste… aber er machte sich Sorgen um seinen jungen Messner… er war befreundet mit dem Roten und er wäre nicht der erste gewesen, der dann der Kirche den Rücken gekehrt hatte, um einer größeren Versuchung zu folgen. Aber sein Messner? Der würde doch treu bleiben, er war doch schon mit 16 in die Kirche gekommen und seither immer ein treuer Diener gewesen. Pedro überwandt sich: „Sieh zu, was du herausfindest.“

Eine Stunde später stand Jose selbst im Kloster, leichenblass und keuchend. Pedro sagte: „Was treibt dich hierher? Das ist ein Kloster, kein Versammlungssaal der Komintern.“ – „Priester, ich habe keine Zeit für ein politisch-theologisches Streitgespräch. Ihre Mordbanden haben auf Teneriffa heute morgen geputscht. Mehrere Bürgermeister und auch Polizisten der Republik sind erschossen worden. Teneriffa wird bald eine klerikalfaschistische Militärdiktatur sein.“ – „Das sind nicht meine Mordbanden, ich kümmere mich nicht um Politik, ich kümmere mich um das Seelenheil meiner Schäfchen.“- „Sie sind aber im Namen der katholischen Kirche, des Königs und der Größe Spaniens unterwegs…. dennoch ich weiß, Sie waren immer freundlich auch zu uns Anarchisten. Das weiß ich, aber das wissen die auch. Und ich glaube nicht, dass die Bande verzeihen kann, wenn man sich nicht bedingungslos ihrem Wahn anschließt.“ – „Was willst du damit sagen mein Sohn?“ – „Ich will, dass Sie von Teneriffa verschwinden, so lange es noch geht.“ – „Nun übertreibst du. Am Ende sind es auch Kinder Gottes. Sie werden sich nicht an einem Mann der Kirche vergreifen.“ – „Sie brüllen: Viva la muerte. Wer den Tod feiert, vor welcher Art Leben soll der Respekt haben?“ – „Du hast selbst gesagt, sie kämpfen im Namen der Kirche. Ich bin also einer von ihnen.“ – „Das sind Sie nicht. Wenn nämlich alle Priester so wären, wie Sie, dann wäre ich katholisch, ich glaube dann wäre die gesamte anarchistische Gemeinschaft und die 3. Internationale katholisch.“ – „Ich weiß nicht, Josef Stalin bei der Kommunion ist doch ein äußerst absurder Gedanke.“ – „Hören Sie auf zu scherzen Pfarrer. Sie gelten hier als der rote Pfaffe…. ja manche nennen Sie einen Kryptokommunisten.“ – „Das ist noch absurder. Ich habe mit Politik nichts am Hut. Ich bin Pfarrer sonst nichts.“ – „Ja aber Sie sind ein Pfarrer für alle Menschen. Und das werden Ihnen die Faschisten nicht verzeihen.“ Den Moment stützte der Messner herein. „Jose! Verschwinde! Eine Patrouille faschistischer Soldaten ist auf dem Weg hierher!“ Jose blickte sich um, Pedro meinte: „Los auf den Dachboden! Dort werden Sie dich nicht finden.“ – „Sie sollten sich nicht in Gefahr begeben für mich. Wenn Sie mich erschießen, lassen sie Sie vielleicht in Frieden.“ – „Was man für den geringsten unter Gottes Söhnen getan hat, hat man für den Herren getan.“ – „Ich bin kein Gottes Sohn.“ – „Und ich bin kein Judas. Und jetzt verschwinde!“ Kaum war Jose auf dem Dachboden, da erschien eine Gruppe Soldaten, an der Spitze Juan d’Alcazar, ein Gutsbesitzer aus der Gegend. Pedro kannte ihn, ein hochangesehener Herr, aus heruntergekommenen Adel. Sein Geschlecht entstammte angeblich einem Seitensprung König Philipps II. Nachgewiesen wurde das nie, aber Juan war überzeugt, dass königliches Blut in seinen Adern floss. Seine Vorfahren hatten sich auch immer wieder mit dem bourbonischen Königshaus zerstritten, da sie der Meinung gewesen waren, die wahren Herrscher Spaniens seien die Habsburger, als aber dann 1931 die Monarchie gefallen war, wandelte sich Juan zum glühenden Monarchisten. Er war aber auch ein treuer Kirchgänger und hatte das Kloster immer unterstützt. „Pater!“ rief er beim Eintreten. „Euren Segen, wir sind dran das Christentum, die alte Größe und Spaniens Königtum wieder herzustellen! Mit den Roten und ihrem Terror ist es vorbei!“ – „Es freut mich dich wohlauf zu sehen mein Sohn, als heute geschossen wurde hab ich um meine Kinder gefürchtet!“- „Von Gottes Kinder haben wir nur 2 verloren. Ich bitte dennoch für sie eine Seelenmesse zu halten. Was die roten Teufeln angeht, da hat es mehr erwischt.“ – „Christliche Barmherzigkeit sollte sich auch für unsere Feinde zeigen!“ – „Für die nicht! Das sind Feinde des Christentums, Feinde der Heimat, das sind keine Menschen. Wenn euer Kloster ein Ungezieferproblem hat, dann holt Ihr den Kammerjäger. Oder segnet Ihr etwa die Wanzen?“ – „Es sind Menschen mein Sohn. Und wer ein Mensch ist, der kann auch wieder auf den rechten Weg gebracht werden.“ – „Sie werden sich schnell entscheiden müssen. Wer jetzt nicht rasch den rechten Weg einschlägt, wird beseitigt. Wenn wir sterben müssen, dann begrüßen wir den Tod. Viva la muerte!“ Und die Soldaten erwiderten ein starkes: „Viva la muerte!“ – „Das ist ein Haus Gottes. Und Jesus hat gesagt: Ich bin das Leben. Ich wünsche nicht, dass in seinem Haus der Tod gefeiert wird.“ – „Es wird einiges anders werden in diesem Land. Wir haben auf Teneriffa begonnen, aber bald wird uns Spanien gehören. Und wenn wir uns mit Hitler und Mussolini verbünden, dann kann Spanien, Italien und Deutschland die Welt gehören, wie einst unter Karl V, der mein Vorfahre ist. Das muss euch gefallen mein Vater, damals war eine Welt, in der die Sonne nicht untergeht, katholisch.“ – „Was mir gefällt ist der Frieden und Eintracht unter den Kindern Gottes.“ – „Vater, ich respektiere in euch den Mann der Kirche und unseren langjährigen Pfarrer, aber wenn ich euch reden höre, dann habe ich den Verdacht einen Kommunisten vor mir zu haben. Hütet euch! Es wird hier geredet, manche sagen Ihr sympathisiertet mit der Republik.“ – „Politik interessiert mich nicht. Ich kümmere mich um meine Schäfchen und sonst nichts.“ – „Gehört dazu auch ein fanatischer Anarchist, der hier sein Unwesen treibt?“ Der Ton Juans blieb höflich, aber nun drohend. – „Ich kenne keine Anarchisten, ich kenne nur die Söhne des Dorfes.“ – „Hütet euch! Wenn Ihr einen von der roten Brut hier versteckt, kann ich nichts mehr für euch tun. Und eure Kirche wird euch auch nicht retten, die wollen nämlich selbst die rote Brut los werden und ein Pfarrer, der sie sabotiert, ist kein Mann der Kirche mehr.“ – „Ich sabotiere nichts. Ich kümmere mich um das Seelenheil meiner Schafe, das ist meine Christenpflicht, sonst nichts. Nun lasst euch den Segen geben und dann seht zu, dass ihr eurem Geschäft nachgeht.“ Juans Augen blitzten zornig, aber er kniete gehorsam nieder, seine Soldaten folgten dem Beispiel und Pedro segnete sie. Dann zogen sie wirklich ab. Nach 10 Minuten stieg Jose herunter. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“ – „Lebe mein Sohn, den Jesus hat gesagt: Ich bin das Leben. Jeder, der lebt, trotzt den dunklen Zeiten.“ – „Ich glaube nicht an Jesus. Die Pfaffen haben doch lange genug dazu beigetragen, uns hungrig und dumm zu halten. Die dunklen Zeiten bringt ihr.“ – „Ich habe dich am Leben gehalten. Und ich bitte dich eins, wenn der Krieg tobt und du stehst vor der Kirche, die in eure Hand fällt, dann denk an mich.“ – „Ich bin Ihnen sehr dankbar, aber ich kann nicht versprechen, dass ich die schwarze Reaktion einfach verschonen kann.“ – „Verschone das Leben! Mehr verlange ich nicht.“

Jahre später vor einem Kloster in Valencia, stand Jose mit einer bewaffneten Militz der CNT vor einem zitterten Pfarrer. „Er ist ein Faschist. Knallt ihn ab“ schrie Pepe, der junge Milizionär, der erst seit einer Woche dabei war. Jose aber zögerte, in den Jahren des Bürgerkrieges hatte er es vergessen, aber nun fiel ihm Teneriffa wieder ein. „Wir sind besser als die!“ – „Jose. Der Kerl hat hier lange die Gutsbesitzer unterstüzt, wegen denen meine Eltern fast verhungert sind. Es sind seine Mordbanden, die meinen Bruder erschossen haben. Ein toter Pfarrer ist mehr als gerecht.“ – „Er ist ein wehrloser zitternder Haufen Elend, was wäre das für ein Sieg, ihn zu töten.“ – „Er ist ein Vertreter der schwarzen Reaktion, ein Klassenfeind.“ – „Ja solange er mächtig war, solange er hier etwas zu sagen hatte, war er der Feind. Aber wir haben ihn besiegt. Was kann er schon tun? Sieh ihn dir an. Er zittert und will leben. Und wir kämpfen doch für das Leben. Viva la muerte, das schreien die anderen die Faschisten.“ – „Ich geh zu den Kommunisten!“ rief Pepe. „Ihr Anarchisten seid zu weich. Ihr könnt keinen Krieg gewinnen.“ – „Wenn wir uns jetzt in den Rücken fallen, dann gewinnen wir keinen Krieg.“ – „Dann erschieß jetzt diesen Pfaffen.“ – „Nein!“ – „Dann mach ich es.“ Jose blieb ruhig aber als Pepe das Gewehr hochriss, stellte er sich zwischen ihn und den Pfarrer. „Geh weg Jose. Ich knall dich mit ihm ab.“ – „Dann tu es, wenn du das tun musst, dann tu es.“ Pepe zielte, aber er zitterte und ließ das Gewehr wieder fallen. „Ach geh zum Teufel!“ Dann ließ er ab und eilte ins Lager. Kurze Zeit später ging er um sich den Kommunisten anzuschließen. Der Pfarrer bedankte sich bei Jose: „Sie sind besser als die anderen roten Teufel!“ – „Bin ich nicht. Wir sind die Guten. Und Sie sind um nichts besser, als die schwarzen Bluthunde der Reaktion. Aber es gibt einen von euch auf Teneriffa, der ist besser als ihr. Und ihm verdankst du dein Leben.“

1945 war Jose verhungert und dem Tod knapp entronnen aus einem Konzentrationslager entlassen worden. Er war geblieben, als die Republik kollabierte, in die Hände der Falangisten geraten, gefoltert und eingesperrt worden. Nun schlug er sich in die neu gegründete Republik Frankreich durch. Er lebte nicht mehr, er überlebte. Zu viel hatte er gesehen, was er nicht sehen wollte. Wie die republikanische Regierung seine CNT-Freunde abgeschlachtet hatte, Pepe nun mehr kommunistischer Soldat war dabei… wie Franco gewonnen hatte, nun hatte er zusehen müssen, wie Franco Kommunisten und Sozialisten erschießen ließ. Auch hier war Pepe dabei, diesmal unter den Opfern. So viele Tote, die Folter das Leid. Und Jose konnte davon nicht wirklich ablassen. So saß er nun in Paris in einem der Lokale, in dem sich die spanischen Migranten trafen und hörte mit halbem Ohr irgendeinem Dichter zu, der irgendwas von der Heimat sang. Plötzlich hörte er hinter sich die Worte: „Jose, du lebst?“ Er drehte sich um und sah Pedro, den Pfarrer aus Teneriffa. „Sie sind hier? Aber ich dachte, Sie bleiben. Immerhin ist die Kirche jetzt wieder so stark wie nie zu vor.“ – „Du hattest recht. Ich war kein typsicher Pfarrer. Ich habe mich nie mit Mordbanden anfreunden können, die den Tod mehr feiern als das Leben und denen christlicher Machtanspruch wichtiger ist, als christliche Nächstenliebe. Und du? Du lebst?“ – „Sie haben gesagt, ich soll leben. Ich habe mich daran gehalten.“